| Im Oberengadin geht das «Lädelisterben» weiter | |||||||
Doch es gibt auch andere Gründe als sinkende Umsätze,die die Alimentari-Betreiber in die Knie zwingen: Hohe Mieten, fehlende Parkplätze oder die ungeklärte Frage der Nachfolge. In manchen Familienbetrieben will die nachfolgende Generation nicht in die Fussstapfen ihrer Eltern treten, weil die grosse Präsenzzeit im Laden abschreckend ist und sich ein vergleichbares Salär mit weniger Aufwand verdienen lässt. Lange Präsenzzeiten «Wer möchte schon 60 bis 70 Stunden wöchentlich arbeiten?» stellt Carla Heinisch-Bornatico, die seit 55 Jahren in St.Moritz-Dorf ein Lebensmittelgeschäft führt, die rhetorische Frage. Doch der Hauptgrund, weshalb das traditionelle Geschäft nach Ostern schliesst, ist ein anderer: Aufgrund einer Totalsanierung des Wohn- und Geschäftshauses an der Via Maistra hätte das Geschäft im Erdgeschoss für einige Monate geschlossen werden müssen. Da auch Bruder Giovanni Bornatico und dessen Frau Vreni Bornatico im Rentenalter sind, keine Kinder die Nachfolge im Familienunternehmen antreten können und sich Verhandlungen mit Dritten zerschlagen haben, habe man sich jetzt zur Geschäftsaufgabe entschieden. «Ein solcher Laden ist heutzutage nur noch als Familienunternehmen zu führen», meint Carla Heinisch-Bornatico. Immer stärker zu spüren war auch der Konkurrenzdruck durch die Grossverteiler in der Region. Zeitgleich mit dem Familienunternehmen Bornatico schliesst auch die Volg-Filiale in St. Moritz-Bad nach fast dreijähriger Aktivität ihre Tore. «Die Lohnkosten übertrafen die Einnahmen. Das gesteckte Umsatzziel wurde nur zu zwei Dritteln erreicht», nennt Nelly Däniker den Grund für die Geschäftsaufgabe. Die Geschäftsleiterin der fünf Volg-Läden der Landwirtschaftlichen Konsumgenossenschaft Oberengadin hat noch ein anderes Sorgenkind: «Der Laden in La Punt hatte einen ziemlichen Umsatzeinbruch zu verzeichnen.» Däniker führt dies nicht zuletzt auch auf den neuen Discounter «Aldi» in Samedan zurück, der auch dem Geschäft in Bever einen Teil der Kundschaft abgezogen hat. Als Familienbetrieb eine Chance Eine weitere baldige Geschäftsschliessung zeichnet sich in Champfèr ab, wo die «Butia Pitschna» ebenfalls nach Ostern schliessen wird. Nicht, dass Jürg Brügger, der das Lebensmittelgeschäft fast zehn Jahre lang mit seiner Frau führte, altershalber aufgeben würde. Doch der krankheitsbedingte Ausfall seiner Frau hat ihn gezwungen, Mitarbeiter anzustellen, die er voll entlöhnen muss und das hat die Rentabilität seines Ladens einmal mehr geschmälert. «Wir haben so oder so in der Zwischensaison, also fünf Monate im Jahr, draufgelegt», erklärt er die finanzielle Gratwanderung des Familienbetriebs. Ein weiterer Laden, der auf der Kippe steht, ist der «Alimentari» in Maloja, der von Erica Salis-Berniga geführt wird. Mit dem Rückzug eines Grosskunden aus dem Dorf, den früheren Betreibern des Maloja Palace, ist ihre Existenz bedroht. Bis Ende 2011 sind die Pachtverträge mit den Besitzern des Hauses verlängert worden. «Dann werden wir sehen, ob wir weitermachen», meint Salis-Berniga. «Dadurch, dass ich das Geschäft mit meinem Mann und unserem Sohn führe und wir zwei sehr flexible Angestellte haben, die gleichsam auf Abruf hinzustossen können, sind wir noch existenzfähig.» Gar keinen Dorfladen mehr hat Madulain, obwohl die Gemeinde dort vor wenigen Jahren mit dem Kauf des Ladens, einer günstigen Miete und kleineren Geldspritzen den Lebensmittelhändlern unter die Arme griff. «Die Kombination mit Romedi Weine hat nicht funktioniert, der Umsatz war generell zu klein», meint Gemeindepräsident Gian-Duri Ratti. Seit Ende letztem Jahr müssen die Einwohner ihre Lebensmittel in Zuoz, La Punt Chamues-ch oder anderswo einkaufen. Fehlende Parkplätze Es sind nicht unbedingt die hohen Mieten, die Lebensmittelhändlern das Genick brechen. «Dem Volg haben wir eine symbolische Jahresmiete von einem Franken verrechnet», sagt Markus Testa, dessen Familie die Immobilie an der Via dal Bagn in St.Moritz-Bad besitzt. Der Präsident des lokalen Handels- und Gewerbevereins macht neben der Konkurrenz durch die Grossverteiler noch andere Gründe für die Geschäftsaufgabe geltend: «Die lange Bauerei am untersten Strassenabschnitt der Via dal Bagn und die Aufhebung der Parkplätze sind mitverantwortlich für die jüngsten Geschäftsschliessungen in St. Moritz.» Post als Retter «Wir wollen in Champfèr einen Lebensmittelladen», meint Daniel Bosshard, Vize-Gemeindepräsident von Silvaplana. Dass die bisherigen Geschäftsleiter nicht mehr weitermachen wollen, bedauert er. Zusammen mit der Gemeinde St.Moritz, die im östlichen Teil von Champfèr das Sagen hat, wurde ein Projekt ausgearbeitet, das in den heutigen Lokalitäten der Post von Champfèr ein neues Lebensmittelgeschäft vorsieht. Doch ein Jahr wird der hierfür nötige Umbau noch dauern. Schön wäre es, wenn sich ein Interessent finden liesse, der während des Übergangsjahres einen Lebensmittelladen an der alten Adresse auf Silvaplaner Grund führen und nächstes Jahr in die ehemalige Post umziehen würde, meint Bosshard. Als Retter in der Not tritt die Schweizer Post auch im unteren Oberengadin auf. Gemäss Nelly Däniker gehen die Volg-Läden von S-chanf und Bever eine Kooperation mit der Post ein. Diesen Frühling werde ein leichter Umbau erfolgen, der auch schon mit den künftigen zusätzlichen Post-Dienstleistungen zu tun habe, die die Volg-Mitarbeiterinnen nach einer kurzen Schulung ab 2011 erbringen werden. «Diese Art der Kooperation ist vielleicht die beste Lösung, um das Überleben der Dorfläden auf lange Sicht zu sichern», meint Däniker. Keine Zusammenarbeit mit der Post wird in St. Moritz-Bad anvisiert. Als Nachfolge für den dortigen Volg will ein Mitglied der Hausbesitzer ein weiteres Lebensmittelgeschäft führen. «Das Konzept ist noch nicht ausgereift, aber Fleisch und Wildfleisch werden einen Hauptbestandteil des Sortiments bilden», meint Sergio Testa, der in St.Moritz das Hotel Sala- strains führt. |
|||||||
| Quelle: Engadiner Post Autor: Marie-Claire Jur | |||||||
| Ort: 7500 St. Moritz | |||||||
| Datum: 18.03.2010 | |||||||
| Rubriken: Diverses, Wirtschaft | |||||||