Wer sucht, der findet
Entspannter Südbündner Lehrstellenmarkt
Wenn es eine Südbündner «Berufshitparade» gäbe, wäre sie fast schon eintönig, denn eine solche Rangliste bestünde fast ausschliesslich aus Evergreens: Jahr für Jahr wären die gleichen Hits in den Charts, mit nur wenigen Positionswechseln innerhalb des Rankings. Fakt ist: Bei den Südbündner Schulabgängern gehören auch 2010 folgende Berufe zu den beliebtesten: Kaufmann/Kauffrau, Schreiner, Zimmermann, Informatiker, Automechatroniker, Elektroinstallateur, Coiffeuse, Konditor und Koch. In diesen Branchen waren die Lehrstellen in den Vorjahren normalerweise ziemlich schnell vergeben.


Angebot übersteigt Nachfrage

Dieses Jahr bietet sich auf dem Südbündner Lehrstellenmarkt jedoch ein etwas verändertes Bild: «In praktisch allen Berufen sind noch Lehrstellen zu haben», sagt George Voneschen, Direktor der Gewerbeschule in Samedan und Gastgeber der Südbündner Berufsschau. Der Grund für diese Situation? Offenbar macht sich der Geburtenrückgang allmählich bemerkbar. Dieses Phänomen enthält zwar gesellschaftspolitischen Zündstoff, für diejenigen Jungen und Mädchen jedoch, die nach der obligatorischen Schulzeit den Einstieg in die Berufswelt anstreben, ist die Lage derzeit komfortabler als auch schon: Das Angebot übersteigt die Nachfrage. «Wer sucht, der findet», meint Voneschen, «allenfalls muss auf den Traumjob verzichtet und eine Alternative in Betracht gezogen werden.» So kann es sein, dass ein Schulabgänger vielleicht keine Lehrstelle als Automechatroniker findet, und deshalb erst mal drei Jahre Automechaniker lernt und anschliessend eine Zusatzausbildung absolviert. Oder statt der angestrebten klassischen KV-Lehre muss auf eine Lehre zum Detailhandelskaufmann ausgewichen werden.
Weiterhin hoch im Kurs ist die Berufsmatur, die beide – sowohl Voneschen wie Crameri – den Jungen nach der absolvierten Lehre ans Herz legen. Dieses Zusatzjahr gibt jungen Erwachsenen die Möglichkeit eines Studiums an einer Fachhochschule und ebnet letztendlich für den, der will, auch noch den Weg für ein Studium an einer Universität oder einer Technischen Hochschule. Immer mehr Lehrabsolventen wollen sich diese Chance nicht entgehen lassen.


Attestausbildungen im Trend

Auffällig am aktuellen Ausbildungsangebot sind neue Berufslehrgänge, allen voran die «Attestausbildungen» oder «Ebas», wie sie kurz genannt werden. Diese zweijährigen Ausbildungen, die mit «eidgenössischen beruflichen Attesten» gekrönt werden, sind praxisbetont und für alle diejenigen jungen Menschen gedacht, die den Anforderungen einer konventionellen Lehre nicht gewachsen wären. Diese «Attestausbildungen», die in etwa den früher angebotenen «Anlehren» entsprechen, sind also weniger «kopflastig» und geben gerade Kindern von Zugewanderten, die nicht genügend Zeit hatten, sich zu integrieren und genügend gute Schulleistungen zu erbringen, eine Chance. Die Chance, Berufserfahrung zu sammeln und ein Papier in die Hand zu bekommen, das ihnen auf ihrem weiteren Weg im Erwerbsleben helfen wird. «Wenn beispielsweise ein Junge mit zwölf Jahren aus Portugal ins Engadin kommt, hat er kaum die Möglichkeit, bis zum Schulaustritt mit seinen Kameraden gleichzuziehen», präzisiert Sergio Crameri ein Problem, mit dem er sich als Berufsberater für das Oberengadin, Bergell und Puschlav zunehmend zu befassen hat. Es sind denn auch oftmals die Kinder von Zugewanderten, die während ihrer Berufsausbildung, seis während der Lehre, seis während der Attestausbildung, ein «Coaching» brauchen. Ein solches «Berufsbildungs-Coaching» ist derzeit in ganz Graubünden im Aufbau. Fachpersonen des Kantons begleiten dabei die Auszubildenden durch ihre Lehrzeit, etwa so, wie das Eltern tun sollten. Nur dass – speziell bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund – die Eltern manchmal diese Assistenzfunktion nicht wahrzunehmen imstande sind.


Fehlende Standardisierung

Während in diesem Problemfeld der Berufsbildung konkrete Lösungen bestehen, sieht es auf einer anderen Baustelle nicht so gut aus: «Bauchweh bereitet uns nach wie vor die Abgleichung der Lehrpläne zwischen den Volksschulen und den weiterführenden Schulen», meint Voneschen. Nicht alle Volksschüler bringen am Ende der Schulzeit das gleiche Wissen mit in die Lehre oder in die Attestausbildung. Das macht den Unterricht für die Lehrer schwierig. «Geometrie und Technisches Zeichnen beispielsweise wurden an verschiedenen Oberstufen zum Freifach degradiert. Dabei sind sie in vielen Berufen eminent wichtig», meint Voneschen. Trotz der noch fehlenden Knowhow-Standardisierung, die der Gewerbeschule und der kaufmännischen Berufsschule das
Leben ebenso erleichtern würde wie den Mittelschulen, ist Voneschen zufrieden mit dem Gang der Dinge und ist voll des Lobs für die Ausbildner an der Gewerbeschule, die trotz ihrer oft grossen Belastung im eigenen Geschäft ihr theoretisches und praktisches Wissen in Samedan an die nächste Berufsgeneration weitergeben und so manchen holprigen Niveau-Übergang kraft ihres Engagements wett machen.
Quelle: Engadiner Post   Autor: Marie-Claire Jur
Ort: 7500 St. Moritz
Datum: 17.04.2010
Rubriken: Diverses, Wirtschaft
 
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