26.09.2009: Tamara Wolf - Auf stabilem Fundament aufbauen
Auf einem stabilen Fundament aufbauen
Neue Saison, neuer Anlauf: Tamara Wolf, hochbegabtes Skitalent mit Dauer-Verletzungspech, will es noch einmal wissen. Nicht mit dem Kopf durch die Wand, sondern mit Köpfchen will sie in den nächsten beiden Jahren den Anschluss an die Spitze schaffen.


Wer auf www.tamarawolf.ch klickt ist überrascht. Da strahlt dem Betrachter eine junge Frau in nostalgischen Skikleidern entgegen. Die langen blonden Haare hinter einem wollenen Stirnband versteckt, ein breites Lachen, wie wenn sie soeben eine Goldmedaille in der Abfahrt gewonnen hätte.
Ist das die Tamara Wolf, die in den letzten fünf Jahren so viele Spitäler und Kliniken von innen gesehen hat? Deren Liste mit Verletzungen bereits als 23-Jährige so lang ist, wie sie es im Leben eines Normalsterblichen zum Glück nie sein wird? Ja, sie ist es. Sie, die sich nach jeder Verletzung wieder zurückgekämpft hat, nur um den nächsten K.-o.-Schlag versetzt zu bekommen, will es noch einmal wissen. Wenn Tamara Wolf über das Skifahren spricht, dann leuchten ihre Augen. «Es geht mir sehr gut», sagt sie wenige Wochen bevor die Saison 2009/10 beginnt. Sie kann fast ohne Schmerzen trainieren, hat ein gutes Gefühl auf den Skis, ist ausgeglichen und zuversichtlich und freut sich unbändig darauf, endlich zeigen zu können was sie drauf hat. Das hat sie bis jetzt nur ansatzweise machen können. 2003 als sie Junioren-Weltmeisterin in der Abfahrt wurde oder 2007 als sie mit einem achten Rang in der Abfahrt von Altenmarkt-Zachensee (Ö) glänzte.

Ein neuer Weg
Heute denkt Tamara Wolf kaum noch an die Stürze und Verletzungen und sie kann darüber sprechen, ohne gleich wieder ins Grübeln zu kommen.
«Weil ich akzeptiert habe, dass das zu meiner Biografie gehört und es mir auch hilft, allfällige Ungeduld gar nicht erst aufkommen zu lassen.» Ungeduldig sein und mit dem Kopf durch die Wand wollen, das sind zwei Charaktereigenschaften, die die Karriere von Tamara Wolf massgeblich mitbestimmt haben. «Ich habe mir zu wenig Zeit genommen. Darum fehlte die Basis und es war nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder verletzt war», meint sie selbstkritisch.
Ob sie je wieder Skirennen fahren kann, war nach dem letzten Sturz alles andere als sicher. Erst als sie im Frühjahr 2008 wusste, dass sie wieder schmerzfrei trainieren kann, war für sie klar, ein erneutes Comeback zu wagen. Mit Geduld und mit Köpfchen ist sie dieses Mal die Sache angegangen.
Mit der Verpflichtung der Trainerlegende Karl Frehsner betrat sie Neuland. Sie bereitete sich abseits des Teams vor. Was für sie nicht nur einen finanziellen Kraftakt erforderte, sie musste auch skifahrerisch umdenken. Technik anstatt Speed lautete das Motto. Die Zusammenarbeit mit Frehsner war wie erwartet hart. «Er fordert von dir 200 Prozent, gibt selber auch 200 Prozent», sagt Wolf. Aber nicht nur skitechnisch sei die Arbeit mit Frehsner wertvoll gewesen, auch mental habe er ihr sehr viel geholfen. Als alter Fuchs wisse er genau, wann ein Sportler gepusht und wann eher gebremst werden müsse. «Karl Frehsner hat mich auf den richtigen Weg geführt», ist Tamara Wolf überzeugt.

Grosse Fortschritte gemacht
Dass das Gefühl nicht täuscht zeigen die zwei Goldmedaillen, die sie in diesem Frühjahr an der Universiade in China gewonnen hat. Noch mehr als über die Resultate hat sich Wolf darüber gefreut, dass sie in den Rennen im Vergleich zu den Trainings jeweils einen Zacken hat zulegen können. Gerade nach Verletzungen sei es wichtig zu spüren, dass diese innere Blockade überwunden werden könne.

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Endlich zum Erfolg abheben: Tamara Wolf, Skirennfahrerin aus Celerina, steigt zuversichtlich in die neue Saison. Fotos: Oliver Maire, swiss-ski


Erst vor wenigen Tagen ist Tamara Wolf aus Neuseeland zurückgekehrt, wo sie mit dem A-Kader von Swiss Ski trainiert hat. Nachdem sie zu Beginn eine Knochenhautentzündung am Schienbein noch etwas gebremst hatte, konnte sie später so richtig attackieren und das auch in sehr schwierigem Gelände. «Ich habe mich sehr wohl gefühlt auf den Skis und vor allem am Schluss enorme Fortschritte gemacht», freut sie sich.
In einfacherem Gelände habe sie bei Zeitvergleichen im Super-G mit ihren Kolleginnen sehr gut mithalten können. Bereits an diesem Wochenende geht es mit Swiss Ski wieder nach Zermatt, dort werden die Speed-Disziplinen trainiert. Beim Saisonauftakt mit einem Riesenslalom auf dem Gletscher in Sölden wird sie als Speed-Spezialistin nicht dabei sein. Und auch die Weltcuprennen in Übersee lässt Tamara Wolf aus.
Das hat nicht zuletzt einen taktischen Hintergrund. Die Celerinerin geniesst beim Weltverband FIS noch den Verletztenstatus und somit bleiben auch ihre FIS-Punkte geschützt. Das ist vor allem mit Blick auf die Startliste wichtig. Deshalb wird die Celerinerin vorerst Europacuprennen bestreiten und dort versuchen, sich mit starken Resultaten eine möglichst gute Ausgangslage für die Weltcuprennen in Europa zu schaffen.

Geduld ist gefragt
Ebenso wichtig wie diese taktischen Überlegungen ist der Fakt, dass Tamara Wolf nach drei verlorenen Saisons noch etwas Zeit braucht, um den Anschluss wieder zu schaffen und sie sich diese Zeit auch nehmen will.
«Sollte ich jetzt die Geduld verlieren und rumstressen, wäre das der grösste Fehler, den ich machen könnte.» Ein Haus werde auch nicht von heute auf morgen gebaut, zieht sie einen Vergleich.
Vor allem brauche ein Haus ein stabiles Fundament, damit es später nicht zusammenstürze. Und auf einem solchen stabilen Fundament will auch Tamara Wolf aufbauen. Vor diesem Hintergrund tönen die Zielsetzungen für die nächsten zwei Saisons sehr realistisch. Im kommenden Winter möchte sie sich wieder unter den 30 Besten der Welt etablieren und dann in der darauffolgenden Saison so richtig Gas geben können.
Dann stehen die Weltmeisterschaften in Garmisch Partenkirchen (De) an und dort hat sie sich eine Medaille zum Ziel gesetzt. Und die Ski-WM 2015 oder 2107 in St. Moritz? «Das wäre das Grösste für mich, vor eigenem Publikum Weltmeisterschaften fahren zu können», strahlt sie. Allerdings wäre sie 2017 bereits 32-jährig.
«Wenn der Erfolg und der Spass noch da sind, fahre ich dann sicher noch», ist Wolf überzeugt.
Zu weit vorausplanen aber mag sie nicht mehr. Die bitteren Erfahrungen der letzten Jahre haben sie etwas anderes gelehrt. «Step by Step» soll es jetzt vorwärts gehen.
Gelingt ihr das, wird Tamara Wolf die Besucherinnen und Besucher auf ihrer Internetseite irgend einmal als Medaillengewinnerin anstrahlen.

Reto Stifel

Quelle: Engadiner Post/Posta Ladina, 26.09.2009
 
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